Reha in Zeiten von Corona

 Erfahrungsbericht aus einer Kurklinik in Niedersachsen von I. R.

 

Das Wichtigste und Lebensnotwendigste in Zeiten von Corona, der Nasen – Mund Schutz, wahlweise auch Atemschutzmaske oder Schneuzelschutz genannt. Bei jeder Bewegung in einem Raum gilt die Regel: Maske auf. Und zwar über Nase und Mund. Verstößt man gegen dieses festgeschriebene Gesetz, so wird das sofort geahndet, mit lauten Aussagen Anderer wie „Maske auf“, kritisierenden Worten und im schlimmsten Falle Geldstrafen. Diese Regel soll helfen gegen Corona vor und hinter der Maske. Mir hilft es vor allem, meine Mimik verbergen zu können, wenn ich den ganzen Unsinn sehe und höre, der hier so am Laufen gehalten wird, nur weil ein Virus auf dem Erdball grassiert, dass es sich scheinbar zum Ziel gesetzt hat, die Menschheit auszurotten. So jedenfalls kommt es bei mir an. Die zweitwichtigste Regel, Abstand halten. „Mit Abstand sind sie die Besten“, steht vor vielen öffentlichen Eingangstüren. Kommt man hier, in der Reha – Klinik jemanden in der Frühstücksschlange beim Buffett zu nahe, wird man ziemlich aggressiv zurückverwiesen aus dem persönlichen Schutzraum, der bei manchen mittlerweile aus bis zu 3 Metern besteht. An den Tischen dürfen maximal jeweils zwei Personen sich schräg gegenübersitzen. Mehr als ein Drittel der Patienten nutzen die kleinen Einzeltische, um sich viral abzuschotten. Soziale Kontakte kommen an anderer Stelle zum Tragen. Zigaretten scheinen ein gutes Desinfektionsmittel zu sein, denn der Platz, an dem die Raucher sich treffen, ist stets sehr gut besucht und die Nähe zum rauchenden Leidensgenossen ist an dieser Stelle scheinbar kein Thema, denn eng an eng stehen sie und hüllen sich in ihre virenfreien Rauchwolken.

Schon zur Gewohnheit geworden ist die dritte Regel, desinfizieren der Hände und aller anderen Dinge, die mit dem Corona- Virus in Kontakt gekommen sein könnten. Mit dem Abstand halten habe ich, bis auf wenige Ausnahmen, keinerlei Schwierigkeiten, den meisten Menschen will ich sowieso nie nahekommen. Dieses ständige Desinfizieren nervt mich jedoch maßlos. Eine gewisse Hygiene ist gut und sollte auch sein. Und dass manche ihre Hände nach dem Toilettengang nicht waschen, ist schon lange bekannt. Deshalb machen erhöhte Hygienevorschriften sicherlich Sinn. Aber, ständig und alles zu desinfizieren, was ich berühre? Besonders im Sportraum ist diese Regelung wirklich nervig. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ziehen sich manche zusätzlich noch Einmalhandschuhe an, um ihr benutztes Sportgerät steril zu hinterlassen. Und das bei jedem Sportgerät neu. Die Müllberge, die allein durch diese ganzen Hygienemaßnahmen entstehen, sind gewaltig und schaden uns allen, in die Zukunft gesehen, dauerhaft sehr viel mehr. Ich würde es verstehen, wenn wir hier alle ganz klar infiziert wären. Oder wenn dieses Corona wirklich jeden dahinraffen würde, der mit ihm in Verbindung kommt. Ich sehe auch eine gewisse Vorbeugung ein. Und natürlich will ich nicht infiziert werden, noch möchte ich andere unbewusst anstecken. Aber, wir sollten unserem Immunsystem auch die Chance geben, selbst mit den Viren und Bakterien, die uns täglich ungezählt anspringen, umzugehen und fertig zu werden.

Völlig aus der Luft gegriffen finde ich die Vorschrift, für den im Flur stehenden Wasserspender nur die Flaschen benutzen zu dürfen, die an der Rezeption gekauft werden können. Kontaktlos kann ich dort mit jeder beliebigen Flasche, die unter den Hahn passt, mein Wasser zapfen. Mir fällt zu dieser Regelung nur ein Wort ein: Abzocke.

Noch unverständlicher sind die Nutzungsregelungen der Räume und des Schwimmbades. Tagsüber, während der Therapieangebote, sind oft mehr als 12 Personen gleichzeitig im Wasser. Abends, beim freien Schwimmen, dürfen aber nie mehr als vier Personen zugleich im Schwimmbad sein, obwohl es genug Platz für mindestens 12 Personen gibt, um den erwünschten Sicherheitsabstand einzuhalten. Gleiches gilt für die Gruppenräume. Sind tagsüber teilweise bis zu 15 Personen im Raum, dürfen am Abend max. 6 Personen gleichzeitig den Raum nutzen. Wenn ich mal meinen Aluhut absetzen würde, könnte ich die Phantasie entwickeln, es sollen Gruppen vermieden werden, aus denen Gedanken entspringen könnten, die zu Taten werden. Die Krönung ist jedoch die Möglichkeit der Nutzung von Medien. Wer fern schauen will, muss 2,00 Euro pro Tag bezahlen oder kann den Fernsehraum nutzen, in dem ganzen vier Personen gleichzeitig der Zutritt gestattet ist. Die anderen 126 Klinikpatienten müssen eben in den Mond starren. Netflix- und Mediathek Nutzern wird das Schauen eines Filmes nahezu unmöglich gemacht, da man pro Tag nur 1 Gigabite Datenvolumen gegen 2,50 pro Tag bekommt. Das sind Kinopreise in Laptopformat für 20 Minuten Film. Und eigentlich starrt man nicht in den Mond, sondern fühlt sich auf ebenjenem. Selbst in armen Drittländern sind kostenfreie W- Lan Zonen keine Seltenheit. Und hier, in dieser Klinik, im Herzen Deutschlands, ist man medial abgeschottet oder blutet finanziell, um ab und zu mal Nachrichten schauen zu können. Und wieder fällt mir dieses eine Wort ein: Abzocke.

Die für viele unverständlichste Regelung ist, wir dürfen während unseres gesamten Reha Aufenthaltes keine Besuche empfangen, uns nicht mit unseren Angehörigen treffen und auch nicht nach Hause fahren. Aber wir dürfen in Städte fahren um dort stundenlang einzukaufen, in Gaststätten, in Kinos oder in Museen gehen. Wir können Festivals besuchen oder uns in eine völlig fremde Menschenmenge stürzen. Aber wir dürfen weder unsere Kinder noch unseren Partner auch nur aus der Ferne sehen. Die Therapeuten jedoch, die jeden Tag ein und ausgehen, dürfen in der Freizeit unzählige Kontakte pflegen. Das Corona scheint genau zu wissen, wann und wen es anspringt. Vor jeder Therapie wird jeder gefragt, ob er Erkältungssymptome hat. Hustet oder niest einer, muss er abreisen. Oft fallen Therapieeinheiten einfach aus, weil Therapeuten unter Coronaverdacht stehen und zuhause bleiben müssen. Der Therapieplan selber ist ein Witz und erinnert an eine Mischung aus Jugendfreizeit und Trainingslager für zukünftige Sportler. Kreativ sind die Therapeuten hier, das kann ich nicht anders sagen. Da gibt es den Teamsport = Spazieren gehen, den Achtsamkeitsspaziergang = Spazieren gehen, den Genußgang = Spazieren gehen durch Wald und Wiese, das Nordic Walking = schnelles Spazieren gehen mit Stöcken und die Wanderung = langes Spazieren gehen. Würde ja auch blöd aussehen, wenn dreimal am Tag als Therapie ein Spaziergang angeboten würde. Ich habe nichts gegen Bewegung in der Natur. Ich gehe gerne und oft spazieren. Aber als Therapieeinheit bei Erschöpfung? Ähnliches gilt für die Gruppenangebote. Schon in der ersten Woche machte ich mir so meine Gedanken, ob ich aus Versehen eine fünfwöchige Schulung über Themen gebucht hatte, die mich nicht wirklich weiterbringen. Anstatt in den Gruppen über die Probleme zu sprechen und eventuell gemeinsam nach Lösungen zu suchen, gibt es Schulungen und Handouts, und Vorträge über allgemeine Themen. Als Abendveranstaltung oder als Bereicherung für die Wochenenden würde ich diese Schulungsstunden sehr begrüßen. Aber als Gruppentherapie? Dieser Sinn hat sich mir auch nach vier Wochen nicht erschlossen. Als ich mich traute, eine Therapeutin zu fragen, warum so wenig Intensivtherapie angeboten würde, zum Beispiel hinsichtlich auf psychologische Einzelgespräche, bekam ich zur Antwort, das wäre zu umfangreich. Nun, das kenne ich durch andere Kliniken anders.

Auch die Freizeitangebote oder die Nutzung der Ergotherapie sind so minimal, dass ich mich ernsthaft frage, wie das die Depressionspatienten aushalten, die sich am Abend oder an den Wochenenden nicht selbst beschäftigen können.

Wir haben September bzw. ab morgen Oktober, die Tage werden kälter und das Wetter bringt mit Sicherheit Erkältungen und Grippesymptome mit. Doch schon ein leichter Husten wird nun zum Stigma und mit einer Coronainfektion gleichgesetzt. Die offenen Fenster, die während der warmen Tage kein Problem waren und dazu dienten, die mit dem Coronavirus vergifteten Aerosole nach draußen zu entlassen, werden nun langsam zum Problem, denn die Fenster werden weiterhin geöffnet bleiben, und in vier Wochen sitzen die Reha- Patienten dann wahrscheinlich mit dicker Jacke und Wolldecke in den Therapieräumen, um zu erfahren, wie sie gegen ihre Ängste und Probleme agieren können.

Meine Quintessenz der letzten vier Wochen, minimaler Aufwand bei maximalem Gewinn und „Gut, dass es Corona gibt“.

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