Miriam Schroiff

Der schamanische Trance-Tanz

 

Anfang der neunziger Jahre in Berlin. Ich war eine junge, lebenshungrige Frau und hatte mir eine Freizeitbeschäftigung zugelegt, die auf meine Umgebung befremdlich wirkte. In regelmäßigen Abständen nahm ich an exotisch anmutenden Tanz-Workshops teil. Den nordafrikanischen Beduinentanz, den angolanischen Kizomba und Semba sowie den irischen Flatley hatte ich schon absolviert, als mir an einem Oktober Morgen folgende Anzeige, in einem Stadtteilmagazin, auffiel: „Schamanischer Trance-Tanz mit Elaforo. Befreie Deine Energie!“.

Ohne zu zögern, wählte ich die angegebene Telefonnummer und nach kurzem Klingeln meldete sich eine angenehme, männliche Stimme. Nachdem ich einige Sätze mit Elaforo gewechselt hatte, wusste ich, wann und wo der Trance-Tanz-Workshop stattfinden sollte.

Zwei Tage später machte mich auf den Weg, bekleidet mit einer schwarzen Flece Hose und einer goldenen Samtbluse, welche mit gerafften Ärmeln ausgestattet war.

 

Was für eine Bruchbude, dachte ich, als sich der fünfstöckige Kreuzberger Altbau in seinem ganzen Elend vor mir präsentierte. Geplatzter Putz und misslungene Graffiti waren noch das kleinste Problem dieses Hauses. In der vierten und fünften Etage fehlte bei mehreren Fenstern das Glas. Bettwäschestücke in den bizarrsten Farben und Mustern waren, anstelle des Fensterglases, von einem Rahmen zum anderen gespannt worden.

Ebenso wie damals, bin ich auch heute noch davon überzeugt, dass jedes Gebäude ein Lebewesen ist. Einmal gebaut entfaltet es, entsprechend der inneren Ereignisse und der äußeren Instandhaltungsbemühungen, seine je eigene Aura. Es bedurfte einiger Sätze positiver Selbstsuggestion, bis ich mich dazu durchringen konnte, dieses Haus zu betreten.

 

Im zweiten Stock wurde ich von ohrenbetäubend lauter Musik empfangen. Der Refrain „Popperverklopper“, von irgendeiner deutschen Punk-Band, dröhnte scheppernd aus dem Lautsprecher eines Kassettenrekorders. Die passenden Rezipienten standen, saßen und lagen im Hausflur, vor den Wohnungstüren. Sie zuckten rhythmisch mit ihren Oberkörpern zu dem Song.

„Wo geht es denn zum Trance-Tanz?“, schrie ich einen blassen Punk an, der mit hoch gezuckerten, türkisen Stachelhaaren die Bewegungen eines E-Gitarristen imitierte. Und ich erhielt tatsächlich eine Art Antwort. Erst streckte der Typ den Mittelfinger seiner linken Hand in die Höhe, dann folgte der Arm. Während er auf mich zu hüpfte, schnellte sein Arm, dicht vor meinem Gesicht, auf und ab – mehr auf als ab. Ich verstand - das spirituelle Event fand im nächst höheren Stockwerk statt.

 

Übrigens habe ich den Punker vor zwei Wochen wieder gesehen. An seinen türkisblauen Augen, die damals perfekt mit der Farbe seiner Haarskulptur korrespondierten, habe ich ihn gleich erkannt. Herr Rudlick, so sein Name, arbeitet seit einigen Wochen in meiner Hausbank, einer Genossenschaftsbank, als Filialleiter.

 

Lediglich das abnehmende Tageslicht, welches durch die Fenster des Hauses dümpelte, spendete dem dritten Stock ein schwaches Licht. Ich drückte den Klingelknopf der Mittelwohnung und ließ es klingeln. Kurz darauf öffnete sich langsam und knatschend die braun lackierte Holztür.

Bis auf die Augen erkannte ich von dem Menschen, der jetzt vor mir stand, getaucht in das Dunkel des Wohnungsflures, nur die Umrisse.

Dämonisch-intensiv, wie ich schaudernd empfand, fixierten mich zwei stechende, schwarzbraune Augen, die in übergroßen weißen Augäpfeln ruhten. Obwohl mich der Schreck packte, brachte ich stockend hervor: “Möchte zum schamanischen Trance-Tanz mit Elaforo!“

„Roro“, antwortete mir eine ältere Männerstimme. „Gut, dann eben zu Elaroro“, verbesserte ich mich. „Nein, ich bin Roro“, stellte sich der Mann vor. Ist mir so was von egal, dachte ich und begrüßte ihn als Herrn Roro.

Der Mann trat zur Seite und knipste den Lichtschalter an, woraufhin die funzelige Deckenbeleuchtung einen curry- gelb gestrichenen Flur in Erscheinung treten ließ.

Bei Roros Anblick zuckte ich zusammen. Sein dunkelhäutiges Gesicht war faltig und großflächig mit Narben bedeckt; schwarze, filzige Rastalocken reichten ihm bis zur Hüfte. Mit meinen zwanzig Jahren erschien mir damals jeder, jenseits des vierzigsten Lebensjahres, uralt. Dieser Mann aber, da gab es für mich gar keinen Zweifel, war älter als die Pyramiden selbst.

„Komm mit, Elaforo ist hinten“, sagte Roro bestimmt und setzte sich, nachdem er die Wohnungstür hinter uns geschlossen hatte, erstaunlich leichtfüßig in Bewegung.

 

Mein Gesicht fühlte sich heiß an und ich wünschte mich an einen anderen Ort, irgendeinen anderen. In dem ersten großen Raum, den wir betraten, offenbarte sich mir ein schrecklicher Anblick. Kein einziges Möbelstück stand in diesem Zimmer, dessen Boden mit einem weichen, braunen Teppich ausgelegt war. An den weiß gestrichenen Wänden hingen bemalte Holzmasken und, kaum zu fassen, Schrumpfköpfe! Solche Menschenköpfe, auf Puppengröße geschrumpft, hatte ich zuvor nur im Museum und in TV-Dokumentationen gesehen.

„Ähh, diese Köpfe an den Wänden, was ...?“, weiter kam ich mit meiner Frage nicht. Schlagartig blieb Roro stehen und drehte sich langsam um. Er kniff die Augen zusammen, legte den Kopf schief und taxierte mich. Im Flüsterton hörte ich ihn sagen: „Keine Angst, die sind nicht alle echt“. Falls mich die Antwort beruhigen sollte, verfehlte sie dieses Ziel zu 100 %.

Ich schluckte, meine Kopfhaut begann zu kribbeln und ich ersann einen Fluchtplan: Umdrehen, losrennen und dieser Schreckenskammer so weit wie möglich entfliehen.

Statt jedoch meinen Plan umzusetzen, folgte ich Roro mit hölzernen Schritten und musste herausfinden, dass sich in dem zweiten Zimmer, welches wir durchquerten, exakt das gleiche furchtbare Bild bot. Auch hier Masken und menschliche Köpfe an den Wänden.

 

 

Das war`s jetzt, dachte ich panisch: Eine kannibalische Sekte hat mich hierher gelockt und bald hängt mein Kopf auch, völlig vertrocknet, an einer dieser Wände. Der einzige Schrumpfkopf mit blonden Haaren, dabei ist das nicht mal meine Naturhaarfarbe. Wieso denkst Du in diesen Moment an so einen unsäglichen Quatsch, wie an Deine Haarfarbe und lässt Dich dabei direkt zur Schlachtbank führen?, kreischte eine innere Stimme.

 

Als der Mann, der sich Roro nannte, die Tür zu dem dritten Zimmer öffnete und ich eintrat, atmete ich erleichtert auf. Die Angst, die sich wie ein enger Gurt um meinen Hals geschnürt hatte, fiel von mir ab. Dieser Raum wirkte freundlich und war hell erleuchtet. Der PVC Boden unter meinen Füßen ahmte visuell einen Terracotta Steinboden nach. In einer Ecke des Zimmers stand eine Saunabox, die, wie ich schätzte, vier, vielleicht auch fünf Personen platz bot. Gegenüber der Sauna stand eine Holzbank.

An der anderen Seite des Raumes war, mittels Metallstreben eine Kabine aufgebaut worden, welche durch bodenlange, karminrote Vorhänge die Sicht in ihr Inneres verbarg. „Elaforo ist noch mit den anderen in der Sauna, die werden gleich heraus kommen - Wiedersehen“, hörte ich Roro in einem gelangweilten Tonfall sagen.

Da ich diesen unheimlichen Menschen auf keinen Fall wieder sehen wollte, rief ich ihm ein flüchtiges „Adieu“ zu.

 

Die Holzbank, auf der ich mich nieder ließ, war bequemer, als sie aussah. Nicht zum ersten Mal hatte mir meine ausufernde Einbildungskraft einen Streich gespielt. Dies war im Grunde schon seit meiner Kindheit so und ich kannte es gar nicht anders. Es gehörte zu meinem Alltag, diesen umzulügen, zu einem spannenden, lebensgefährlichen Abenteuer. Trotzdem wunderte ich mich über meine neuste Kapriole: Eine kannibalische Sekte, wie lächerlich. Vielleicht jedoch stimmten auch einfach meine aufrichtigen Wahrnehmungen nur nicht mit den Fakten überein.

Während ich vor der Sauna auf der Bank saß und über meine Wahrnehmungsfähigkeit sinnierte, dröhnte mir plötzlich jemand ins Ohr: „Hallo, na jetze jet ded ja gleich los - ick freu ma schon druff!“

Von mir unbemerkt hatte sich ein vollbärtiger Mann, den ich spontan auf Ende 30ig schätzte, neben mich geschmiegt und lächelte erwartungsvoll in meine Richtung; zwei Goldzähne schimmerten tapfer in seinem maroden Gebiss. „Ja, davon gehe ich auch aus“, gab ich zurück und stellte mir vor, wie mein Sitznachbar verzückt tanzend den Kopf in den Nacken warf, während sein Mundgold im Neonlicht blitzte. „Ick bin der Peter, aba Du darfst ma Putzi nennen!“ Erwachsene Männer, die sich selbst mit Kosenamen verniedlichten, galten mir damals wie heute, als infantile Verantwortungsverweigerer. „Hallo Peter Putzi“, brachte ich über die Lippen, und versuchte diesen Gruß halbwegs freundlich klingen zu lassen. Er redete weiter: „Did is ded erste Mal ded ick did mache.“

Wieso war der Typ so gut gelaunt, hatte er etwa nicht diese grausigen Zimmer durchqueren müssen, um hier her zu gelangen? “Mir geht es ebenso wie Dir, ist das erste Mal“, antwortete ich.

Sein Lächeln erstarrte und wich, binnen Sekunden, einem ärgerlichen Ausdruck. Sein Tonfall gab meinem Eindruck recht: „Did is nich in Ordnung, ick hab den vollen Preis bezahlt und da hab ick och ded Recht uff einen Profi.“

Dachte dieses bärtige Urgestein etwa, dass ich den Kurs leite? „Das ist ein Missverständnis, den schamanischen Trance-Tanz leitet Elaforo“, beruhigte ich ihn. „Äh, wat denn für nen Schamtanz mit Elefantino? Icke bin hier, wejen der erotischen Massage“, blökte er und setzte nach: „Jetze wird ded ma hier langsam zu blöde, echt jetze. Erst führt ma so een altet Spinnenjebein durch leere Zimma, wo überall olle Köppe an die Wände hängen und jetze sitz ick och noch neben so ner Klemmi Puff-Ärmel-Mutter, die zum Schamtanz will.“

 

Das war zu viel. Gerade setzte ich an, den Typ mit Worten zu beschimpfen, die ich ohnehin hier nicht hätte nieder schreiben können, ohne einen Imageschaden zu erleiden, als eine junge hübsche Frau den Schauplatz betrat.

Sie war einzig mit einem Tuch bekleidet, das ihren Schambereich bedeckte. „Ja wat sehn denn meine geschundenen Augen, did is ja mal een schöner Anblick“, freute sich Putzi und musterte, offensichtlich voller Vorfreude, die nackte Elfe.

„Bist Du Peter?“, fragte die Frau. „In volla Lebensgröße Zuckerpüppchen!“ Peter Putzi sprang auf. „Dann geh doch bitte schon mal in die Kabine Peter und leg ab, ich bin gleich bei Dir“. Von einer zur anderen Sekunde war all sein Unmut verraucht und Putzi verschwand hinter dem karminroten Vorhang.

Ja, hau bloß ab, du pubertärer Kindskopf im Körper eines Bierkutschers, dachte ich gehässig und fühlte mich gleich besser.

Ein Schwall feucht-warmer Luft umnebelte mich, als die Holztür der quadratischen Sauna-Kabine mit einem Ruck geöffnet wurde und ein nackter, rothaariger Mann, circa Ende 20ig, lässig auf mich zu steuerte. Hinter ihm sichtete ich vier weitere Nackte – zwei Männer und zwei Frauen.

„Hallo“, begrüßte mich der Rotfuchs und schenkte mir ein herzliches Lächeln: „Du bist bestimmt Rita, die neue Teilnehmerin? Schade, dass du nicht früher gekommen bist, denn dann hättest du dich mit uns in der Sauna vorwärmen können. Ich bin Elaforo – natürlich ist das nicht mein bürgerlicher Name.“ Schwungvoll legte ich, immer noch sitzend, den Kopf in den Nacken und reichte dem Kursleiter, der jetzt unmittelbar vor mir stand, die Hand.

Dabei starrte ich unverwandt in seine blauen Augen. Eher hätte ich einen Nackenkrampf riskiert, als meinen Blick direkt auf sein Glied zu richten, das zweifellos freundlich in die Welt hinein hing.

In einem Punkt hatte Peter Putzi, dessen erotische Massage ohrenscheinlich in vollem Gange war, recht. Tatsächlich war ich verklemmt, wenn es um Nacktheit, Intimität, überhaupt um allzu Körperliches ging.

Meine Gehemmtheit verbarg ich hinter einer gelassenen Miene. Nach dem kurzen Gespräch mit Erik Druckmeister, so der bürgerliche Name von Elaforo, sprang ich auf und begrüßte die anderen anwesenden Trance-Tanzenden stehend.

Geschickt hangelten die Kursteilnehmer nach ihren Kleidungsstücken, die sie auf zwei kleinen Hockern neben der Sauna deponiert hatten, und kleideten sich an.

Unsere kleine Schar verließ die Wohnung und wir gelangten, über den Hof schlendernd, in den ersten Stock eines gegenüber liegenden Hauses.

Der Tanz-Workshop erwies sich als seriöse und überaus anstrengende Veranstaltung. Begleitet von indianischen Gesängen aktivierten wir paarweise und wechselseitig, mithilfe von Halbedelsteinen, unsere acht Körper-Chakren.

Dabei lag jeweils eine Person auf dem nackten Fußboden, während ihr Pendant, in gebückter Haltung, um sie herum hüpfte und die Energiebahnen mit kreisenden Bewegungen belebte – hierzu wurden die Steine nur wenige Zentimeter über dem Körper des Liegenden bewegt.

Engelhardt, so hieß mein Mitstreiter, schien sich nur noch an zwei Chakren zu erinnern. Denn er kreiste mit seinem Stein fast ausschließlich oberhalb meines Herzchakras, auf Brusthöhe, oder knapp über meinem Sakral-Chakra, welches auch Das Süße genannt wird. Mir fehlte einfach die Kraft, mich über ihn zu ärgern und so schloss ich die Augen, stets hoffend, dass Engelhardt, der seiner Statur nach eher Engelfels hätte heißen sollen, nicht das Gleichgewicht verlor und mich unter sich begrub.

 

Nach drei gefühlten Jahrhundert-Stunden nahm die Prozedur endlich ein Ende. Zur Abschlussrunde saßen wir, einen Kreis bildend, im Schneidersitz. Genauer gesagt saßen die anderen im Schneidersitz. Ich hockte da, zusammen gesackt wie ein defekter Klappstuhl und hielt meinen Kopf mit Mühe in der Vertikale. „Na, das war doch wieder eine sehr schöne Trance-Sitzung“, behauptete unser Kursleiter. Die anderen nickten zustimmend.

„Und Rita, spürst du schon die Wirkung des Reinigungsrituals in deinen Chakren?“, fragte Elaforo und schaute der zerschundenen Gestalt vor ihm mitleidlos ins Gesicht. “Auf jeden Fall spüre ich jeden einzelnen Knochen“, raunte ich und war nicht bereit auch nur ein einziges, weiteres Wort zu sagen.

Warum hatte es Erik Elaforo nicht dabei belassen können? Wie auch immer, er sprach weiter: „Heute war es für dich wohl noch anstrengend, wenn du aber weiter machst auf diesem Weg, dann kannst du dich dauerhaft energetisch reinigen. Also bist du dabei?“

Niemals wieder, dachte ich und antwortete mit einem schwachen Lächeln: „Ich würde ja sehr gern wieder kommen, aber ich wandere nächste Woche mit meiner Familie aus - in die Toskana. Mein Vater hat dort einen Olivenhain geerbt.“ Unfassbar, wie ungeniert ich log. Vor allem, angesichts der Tatsache, dass ich auch einfach hätte sagen können, dass ich keine Zeit habe.

Erik schaute mich einen Augenblick lang ungläubig und prüfend an, entschied dann aber wohl, dass es für mich keinen Grund gäbe, mir eine derartige Geschichte aus den Fingern zu saugen. Deshalb verlieh er seinem Gesicht einen bedauernden Ausdruck: “Schade, dann vielleicht im nächsten Leben – alles Gute für dich!“

 

Während ich nach Hause wankte, wurde mir klar, dass die erworbenen Rücken- und Muskelschmerzen nicht so einfach von allein weggehen würden. Deshalb suchte ich am nächsten Tag meinen Orthopäden auf. Von ihm erhielt ich eine wohltuende Schmerzspritze und dazu noch einem Stützgürtel, den ich eine Woche lang tragen durfte.

 

Sie können mir glauben, dass ich von meinem speziellen Hobby kuriert war. In Zukunft sollten für mich keine Experimente mehr in Frage kommen. Und dieser Maxime wäre ich auch mit Sicherheit gefolgt, hätte ich nicht zufällig drei Wochen nach dem geschilderten Vorfall folgende interessante Anzeige gelesen….

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