Inge Beer

Die alte Frau und der Spiegel.

 

17.4.2020

Prüfend blickte sie auf das Bild vor sich, und wie in einem Kurzfilm lief ihr Leben vor ihr ab. Sie sah sich als Kind, unbeschwert und stets in Aktion, mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet. Sie wusste bis heute nicht, ob sie geliebt wurde, aber sie hatte nicht das Gefühl, ungeliebt zu sein. Sie war eben da. Das war der damaligen Zeit geschuldet, und für sie fast wie ein Glücksfall. Ihr ging es nicht so wie heute, wenn manche Eltern vor lauter Fürsorge und Liebe ihr Kind ersticken und es unbedingt in eine Richtung drängen wollen, die ihnen, aber nicht dem Kind vorschwebt. Eltern, die immer nur „das Beste für ihr Kind“ wollen, so dass für das Kind selbst eigentlich gar nichts übrigbleibt. Nein, so erging es ihr nicht.

Sie konnte sich trotz Regeln entfalten, bekam auf Fragen knappe Antworten, und musste sich die Erklärungen dazu selbst suchen. Dass die nicht immer stimmten, merkte sie natürlich im Laufe der Zeit, aber dadurch lernte sie auch, dass sie eigene Standpunkte und Meinungen immer wieder hinterfragen musste. Ihr wurden dafür andere wichtige Dinge mit auf den Lebensweg gegeben.

Eins davon war der Ratschlag: sieh zu, dass du dich nie von einem Mann abhängig machst und immer so viel Geld verdienst, dass du dein Kind im schlimmsten Fall auch allein großziehen kannst. Natürlich setzte sie das in die Tat um, und egal wie viel an Kummer sie im Laufe des Lebens erlebte, diese Tatsache half ihr immer wieder auf die Beine. Es bescherte ihr die Unabhängigkeit, wenn sie wieder mal auf die Nase gefallen war und von vorn beginnen musste, und sie hatte stets das Gefühl, das sie alle Schwierigkeiten bewältigen würde, auch wenn es mitunter ein wenig länger dauerte.

Das Leben hatte sie im Laufe der Jahre geprägt, und viele Erfahrungen hätte sie sich gern erspart. Angefangen von häuslicher Gewalt als erwachsene Frau bis hin zu einer extremen Mobbingzeit auf der Arbeit oder Enttäuschungen diverser Art bei ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten. Aber immer wieder war sie aufgestanden, hatte aus ihren Erfahrungen gelernt und blieb die rettungslose Optimistin, die sich nicht verbiegen ließ, niemandem nach dem Mund redete und dank ihrer Ehrlichkeit auch nie erpressbar war.

So waren die Jahre ins Land gegangen. Inzwischen war sie über 70, und das einzige, was sie diese Zahl vergessen ließ, war ihre inzwischen angesammelte Altersweisheit. Bis vor kurzem war sie dankbar darüber, dass sie aus ihrer Sicht ein schönes Leben hatte. Sie hatte als sogenanntes „Friedenskind“ bisher keinen Krieg erleben müssen, hatte rechnen gelernt durch die Armut ihrer Eltern, hatte einen Sohn, der ihr keinen Kummer bereitete, hatte viel von der Welt gesehen und konnte sich auf ihre Freunde verlassen. Sie brauchte sich um keine kranken Angehörigen zu kümmern, um keinen nörgelnden Ehemann, und ihre Altersbezüge lagen über der Durchschnittsrente. Sie wusste zwar, dass sie sich bereits auf der Zielgeraden befand, hoffte allerdings, dass ihr noch viele schöne Jahre vergönnt sein würden, um all diese Geschenke bei halbwegs guter Gesundheit genießen zu können.

 

Und dann kam plötzlich alles anders. Sie sah ihre Unabhängigkeit schwinden. Dass Gefühl, dass die Demokratie wackelte, weil die Meinungsfreiheit bereits eingeschränkt war, wenn man nicht in eine Schublade gepackt werden wollte, hatte sie zwar schon länger, und spätestens als die Kanzlerin eine Wahl rückgängig machte, weil das Ergebnis nicht dem entsprach wie man wollte, dachte sie, schlimmer könnte es nicht kommen. Aber es kam schlimmer. In Form eines Virus namens Corona. Für sie war das der Weltkrieg im 21. Jahrhundert. Die Medien und die Politiker in der ganzen Welt spielten mit der Angst der Menschen. Alle wurden manipuliert, und aufgrund von Vermutungen, was den Menschen eventuell gesundheitlich passieren könnte, wurden alle persönlichen Freiheiten dermaßen eingeschränkt, dass es sie an eine Diktatur erinnerte. Kurzfristig erlassene neue Verordnungen und Gesetzte hebelten das Grundgesetz einfach aus. Nichts von den Vermutungen wurde bewiesen, nichts mehr hinterfragt, und Fachleute mit anderen Meinungen wurden mundtot gemacht. Das Allerschlimmste daran war für sie aber, dass die meisten Menschen der Regierung dafür noch dankbar waren. Nichts würde danach wieder so sein wie vorher. Die Wirtschaft würde am Boden liegen mit einer Arbeitslosenzahl, die sich niemand wünschte, die Steuern würden erhöht, und man würde Pflichtimpfungen einführen.

Als „Vorbote“ war bereits ab dem 1.3. diesen Jahres ein Gesetz hinsichtlich der Masern erlassen worden, in dem es unter anderem heißt: Eltern, die ihre in Gemeinschaftseinrichtungen betreuten Kinder nicht impfen lassen, werden künftig eine Ordnungswidrigkeit begehen und müssen mit einer Geldbuße in Höhe von bis zu 2.500 Euro rechnen. Die Geldbuße kann auch gegen die Leitungen von Kindertagesstätten verhängt werden, die nicht geimpfte Kinder zulassen. Ein Bußgeld kommt auch in Betracht gegen nicht geimpftes Personal in Gemeinschaftseinrichtungen, Gesundheitseinrichtungen und Asylbewerberunterkünften und gegen nicht geimpfte Bewohner solcher Unterkünfte. Und dass, obwohl es keine Epidemie gab und die Anzahl der Masernerkrankungen nicht gestiegen, sondern seit Jahren gleich waren.

Genauso würde es wahrscheinlich mit Corona gehen, denn der Gesundheitsminister wurde bereits mit etlichen Sonderrechten ausgestattet, die es ihm künftig ermöglichen, solche Gesetze in alleiniger Entscheidung zu erlassen. Niemand würde mehr ins Ausland einreisen können, wenn er sich nicht impfen lässt.

Was für sie bedeutete, dass sie sich nur noch in Deutschland bewegen würde. Das gegenseitige Anschwärzen der Menschen untereinander würde zunehmen, weil jeder, der nicht mit dem Mainstream mitläuft, ein Verräter wäre. Dann könnte es schnell passieren, dass Menschen wie sie eines Tages auch abgeholt würden. Zustände wie damals in der DDR. Sie hatte Angst vor all den Folgen, die nach Beendigung der Krise kommen würden, insbesondere deswegen, weil sie nicht wusste, was sie dagegen tun könnte. Gerade wurde bekannt, dass alle Sperrungen noch weitere zwei Wochen aufrechterhalten wurden. Und für Menschen in ihrem Alter wahrscheinlich noch länger.

Sie blickte wieder auf das Bild vor sich und sah im Spiegel eine Frau. Eine Frau, die das Vertrauen verloren hatte und selbst bei manchen Freunden überlegte, was sie sagte. Eine Frau, die gegen ihre bösen Gedanken ankämpfte und die um Jahre gealtert schien. Aller Kampfgeist war verloren. Mutlos wirkte sie, und Tränen rannen ihr über das Gesicht, wenn sie daran dachte was zu tun war, falls ihre Befürchtungen wahr wurden. Eins wusste sie genau. In einer Diktatur würde sie ihr Leben nicht beenden wollen, niemals! Dann würde sie sich etwas anderes einfallen lassen müssen!

Bei diesem Gedanken drehte sie ihren Kopf weg und verließ das Badezimmer.

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