Heidrun Funk

Tage mit Corona

 

Die Zeit steht still, der Terminkalender ist leer. Nur die wichtigen Geburtstage – in grüner Schrift, damit sie auffallen – stehen ganz oben. Eingetragen zu Beginn des Jahres, von einem Virus noch keine Spur.

Alles ist anders, und geht doch weiter wie bisher. In gewisser Weise bleibt alles beim Alten, bis auf die Geselligkeit, die mir fehlt, die Gespräche von Angesicht, zu Angesicht. Die tägliche Routine erlebe ich wie gewohnt, mit dem Unterschied, dass die Dinge mehr Zeit haben. Lesen, Geschichten schreiben, kochen, Briefe schreiben (handgeschrieben und elektronisch). Wie schön! Entschleunigung hat eine besondere Qualität. Die erste Woche war gewöhnungsbedürftig, ich fühlte mich „eingesperrt“, denn ich habe es nicht gerne, wenn mir jemand vorschreibt, was ich alles nicht tun darf…, dennoch zog ich mich zurück, benutzte keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, um den Kontakt mit anderen zu vermeiden, weil mir die Berichte von Italien, New York, und anderen Hotspots an die Nieren gingen. Und vor allem, ich kann mich und meinen Mann nur schützen, indem ich den privaten Rückzug antrete.

 

Das bedeutete keineswegs den Verzicht auf meinen täglichen Gang in die Natur! Der wunderschöne See, an dem wir wohnen, sieht mich jeden Tag. Wir grüßen uns freundlich und fragen uns nach unserem Befinden. Im Moment glänzt er vor guter Laune und Sonne, und wir genießen beide das Leben. Und halten Abstand voneinander.

Was nicht bedeutet, dass es die anderen Seebesucher tun. Aber: Wozu hat mir der liebe Gott zwei Arme gegeben? Wenn mir jemand zu nahekommt, strecke ich vorher meinen Arm aus, und Hastenichtgesehen schlägt er einen Haken auf seine Seite. Geht doch. Die leeren S-Bahnen und Busse fahren an mir vorüber, und ich sehne mich wieder nach der Zeit, in der ich tagsüber zu Fuß ein paar Stunden unterwegs war, und zwischendurch in meinem Lieblingscafé einen köstlichen Latte Macciato genießen konnte.

 

Vor einer Stunde, als ich den Ausgang des Sees erklomm, kamen mir fünf junge Männer auf einem schmalen Weg entgegengelaufen. Da nützen die Arme auch nichts mehr. Ich blieb stehen und fragte, wie ich an ihnen vorbeikommen sollte (ohne auf die Bäume zu steigen!). Daraufhin sprangen sie theatralisch auseinander, ließen mich passieren, und einer sagte, vorne sei für mich schon der rote Teppich ausgelegt. „Das müssen sie ja wissen“, meinte ich, „Sie sind ja gerade drübergelaufen!“.

 

Bekomme ich einen Lagerkoller, hilft es mir unglaublich, einen Kuchen zu backen. Ohne Meditationsbank und Kerzenschein, dafür aber mit meinen Gedanken beim Teig, bei den Zutaten, den Vorbereitungen und der Freude, wenn ich ihn aus dem Ofen ziehe. Neue Rezepte werden probiert, alte verbessert, ich rühre und knete, was das Zeug hält. Von dem fertigen Kuchen bekommt unser Nachbar im 1. Stock eine große Portion ab. Er wohnt noch nicht lange im Haus, acht Monate mögen es sein, dass die Vorbesitzerin auszog. Sie war eine schreckliche Frau, die das ganze Haus tyrannisierte.

 

Ich liebe es, wenn das Telefon klingelt, dennoch fällt es mir schwer, die täglich 20.000 Kommunikationszeichen abzuarbeiten, die jede Frau (laut einer wissenschaftlich nicht bewiesenen Studie meines Mannes) absondern muss. Er selbst fühlt sich mehr als wohl in dieser Situation, kommt endlich zu Büchern, die schon lange ungelesen auf dem Bücherregal schlummern, liest endlich jeden Artikel seiner Tageszeitung bis zum Schluss (auch die Seiten, zu denen er „sonst nicht kommt“), übt sich im Kreuzworträtseln und schimpft, wenn ihm nicht alles einfällt, fährt Fahrrad und übt Golfschläge im Trockenen, um danach in der Champions-Klasse mitzuspielen.

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